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Kriminalität und Armut in Brasilien

Armut

Brasilien gilt als typisches Schwellenland mit einem hohen Grad an Industrialisierung und einem breiten Angebot an Gütern. Doch maximal ein Drittel der Gesamtbevölkerung nimmt am Wirtschaftskreislauf teil, die Mehrheit ist in der Schattenwirtschaft tätig oder lebt am Rande des Existenzminimums in bitterer Armut. Es gibt zwei Brasilien, die auf dem gleichen Territorium, Seite an Seite existieren: das eine, ein Land von riesigem Potential, unbegrenzten Möglichkeiten und unvorstellbaren Reichtums; das andere hingegen ein Land des Mangels, des menschlichen Elends und der Verzweiflung. Insbesondere in der Landwirtschaft, im öffentlichen Dienst und in den ärmeren Regionen im Landesinneren ist der offizielle Mindestlohn von 420 Brasilianische Reais (CHF 250) die Regel. In den großen Industriezentren zahlen Betriebe wesentlich höhere Löhne. 

Der Nordosten als Armenhaus Brasiliens                                                   

Als Brasilien Kolonie war, galt der Nordosten lange Zeit als das Zentrum der Zuckerplantagen und als die dominierende brasilianische Wirtschaftsregion. Doch als der Zucker an Bedeutung verlor, ging es mit dieser Region bergab. Den Todesstoss versetzte ihr die stürmische industrielle Revolution, die die wirtschaftliche Macht auf die Städte im Südosten und Süden verlagerte, wo sich die Fabriken konzentrierten. Fehlende Industrie, Dürreperioden und ein überkommenes landwirtschaftliches Pachtsystem ließen den Nordosten zum Symbol des anderen und armen Brasilien werden.

Die Wanderungsbewegung vom ländlichen Nordosten in den urbanen Südosten begann in den sechziger Jahren und flaut langsam ab. Das grosse Bevölkerungswachstum von Sao Paulo ist vor allem auf die ‚Nordestinos’ zurückzuführen. Arme, ungelernte Bauern ziehen in die Industriezentren des Südens und Südostens und liefern billige Arbeitskräfte, aber auch ein riesiges und wachsendes soziales Problem. Abgesehen davon, dass die Städte, was Wohnraum, Dienstleistungen und Versorgungseinrichtungen betrifft, bis an den Rand ihrer Möglichkeiten strapaziert werden, lässt diese Masse von armen Einwanderern die Favelas (Slums) in den Städten anwachsen und damit die Kriminalität.

Die Armut zog in Brasilien mit den Kolonialherren ein. Der Grundstein hierfür wurde mit dem System der "Casa Grande", also mit dem Herrenhaus auf dem Lande gelegt. Die Fazenda war auf Sklavenarbeit aufgebaut und funktionierte stets patriarchalisch. Oben und unten, arm und reich waren festgelegt. Die Nachwirkungen dieses Systems bestimmen noch heute die brasilianische Sozialstruktur. Nach einem Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen klafft die Einkommensschere fast weiter denn je auseinander. Die Einkommenssituation zwingt die meisten Brasilianer, nach einem Zusatzverdienst zu suchen. Bei den Armen ist es üblich, dass die Kinder mit zehn Jahren zu arbeiten beginnen. 

Favelas

Eine Favela ist zunächst illegal besetztes Land, auf dem die Menschen notdürftige Hütten bauen. Es existieren keinerlei Besitzansprüche, und nicht selten kam es vor, dass die ganze Favela mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht wurde und die Menschen ihr weniges Hab und Gut verloren haben. Von  den hygienischen Verhältnissen und der Gefahr von Krankheiten ganz abzusehen.

Favelados wurden in düstere Stadtteile mit Sozialwohnungen umgesiedelt und dann gezwungen, täglich mehrere Kilometer unter unzumutbaren Umständen zurückzulegen, um zur Arbeit zu gelangen. So erstaunt es nicht, dass sie alles daran setzen, um in ihre Favela zurückzukommen. Sie verlieren ihre soziale Bindung, sobald sie am Rande der Stadt in einen dieser seelenlosen Betonblocks deponiert werden. Favelas ermöglichen die Errichtung eines sozialen Geflechts, das sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpasst. In manchen Favelas kämpfen die Bewohner gemeinsam um fließendes Wasser, um Kanalisation und Elektrizität. Die Solidaritätsbekundungen unter den Favelados sind zahlreich. Ein alter Mensch fühlt sich dort niemals einsam, und einer kranken Mutter nimmt man die Kinder ab. Die Favelas sind Welten für sich mit eigenen Gesetzen und Regeln.

Den Chefs der Favelas kommt bei der Ausgestaltung des Gemeinwesens eine zunehmende Bedeutung zu. Sie spielen eine wichtige soziale Rolle und sind eine Art Robin Hood der Stadt. Oft verdienen sie viel Geld aus dem Wiederverkauf von Kokain an die wohlhabenden Bürger der Stadt. Die Tatsache, dass die Reichen auf diese Art und Weise die Institutionalisierung der Favelas finanzieren, mutet schon sehr zynisch an. Als im August 1987 in der Favela von Rio der Anführer eines Drogenhändlerringes verhaftet wurde, protestierte die Bevölkerung gegen diese Verhaftung, da dieser die Kanalisation finanziert hatte und elternlose Kinder durchbrachte. In den Favelas lebt man relativ sicher, nur selten gibt es Diebstähle und Raubüberfälle. Gefährlich wird es allerdings, wenn man zwischen die Fronten zweier rivalisierender Drogenbanden gerät oder in den Verdacht, nicht loyal zu den jeweiligen Herrschenden zu halten. Die Bosse sorgen dafür, dass es Beschäftigung gibt, Kranke zum Arzt gehen können, die Kinder einen Sportplatz bekommen und dass bei einem großen Fest alle kostenlos essen und trinken können.